6. Exkurs: Narratologische Grundbegriffe

6.1 Erzählinstanzen

Erzählinstanzen nach Markus Kuhn: Fokalisierung, Okularisierung und Aurikularisierung1.


Fokalisierung
: Der Begriff ist der Literaturtheorie des französischen Literaturwissenschaftlers Gerard Genette entnommen und für die Filmnarratologie fruchtbar gemacht geworden2.
Die  drei Fokalisierungs-Kategorien beziehen sich auf das „Wissen bzw. die Relation des Wissens zwischen Erzählinstanz und Figur3.

Nullfokalisierung4: Visuelle Erzählinstanz zeigt mehr als eine Figur weiß
Interne Fokalisierung5: Visuelle Erzählinstanz zeigt in etwa so viel wie eine Figur weiß
Externe Fokalisierung6: Visuelle Erzählinstanz zeigt weniger als eine Figur weiß


Okularisierung
: Der Begriff beschreibt Relationen der Wahrnehmung von visueller Erzählinstanz und Wahrnehmung einer Figur 7.

Nullokularisierung: was die visuelle Erzählinstanz zeigt, ist an keine Figur gebunden
interne Okularisierung: visuelle Erzählinstanz zeigt in etwa, was die Figur wahrnimmt
externe Okularisierung: Figur nimmt wahr, was die visuelle Erzählinstanz nicht zeigt


Aurikularisierung
: Gemeint sind hier auditive Aspekte der Wahrnehmung 8.

Nullaurikularisierung: Ton kann nicht der Wahrnehmung einer Figur zugeordnet werden
interne Aurikularisierung: Ton kann der auditiven Wahrnehmung einer Figur zugeordnet werden
externe Aurikularisierung: Markierung, dass eine Figur etwas hört, das den ZuschauerInnen nicht präsentiert wird 9.

Kombinationen der Begriffe sind möglich: etwa kann ein over-the-shoulder-shot als interne Fokalisierung bei Nullokularisierung eingeordnet werden10.

 

subjektive Kamera, Ich-Erzähler (auch Point-of-View-Shot): Die Kamera nimmt die Position einer Figur ein. Die Subjektivität der visuellen Darstellung kann noch über den Kommentar eines Erzählers verstärkt werden.

Position der identifikatorischen Nähe: Die Kamera bleibt nahe an einer Figur, wie z.B. bei einem Over-Shoulder-Shot.

6.2 Narrative Struktur

Fabula, Syuzhet und Style11

Fabula (Story): Der Begriff meint die Geschichte, die erzählt wird, ohne dass das, was erzählt wird, auch gezeigt werden muss.
Syuzhet (Plot): Das Syuzhet bezeichnet die tatsächliche Repräsentation der Fabula im Film und die „Architektur“ der Erzählung, d.h., was wird wie lange gezeigt und in welcher Reihenfolge.
Style: Unter Style versteht man die Gestaltungselemente des Films wie z.B. Kamerabewegungen, Lichtsetzung, Formen des Schnitts. Der Begriff umfasst technische Elemente, während Syuzhet dramaturgische Komponenten meint.

weitere Stichpunkte: narrativisieren (Hartmann), diegetisieren (Hartmann), diegetische Teilschichten (Wulff)


 

Quellen:

  1. Kuhn, Markus (2011): Filmnarratologie. Ein erzähltheoretisches Analysemodell. Berlin/New York: de Gruyter, S. 119ff
  2. Genette, Gérard (1994): Die Erzählung. aus dem Franz. von Andreas Knop, München: Fink.
  3. ebd. S. 122
  4. Kuhn, Markus (2011): Filmnarratologie. Ein erzähltheoretisches Analysemodell. Berlin/New York: de Gruyter, S. 123
  5. ebd.
  6. ebd.
  7. vgl. Kuhn S. 128
  8. vgl. Kuhn S. 129
  9. ebd. S. 128ff
  10. ebd. S. 145
  11. Bordwell, David (1985): Narration in the Fiction Film. Wisconsin: The University of Wisconsin Press, S. 49ff.