Exkurs: weitere Beispiele

Vergleich der Filmanfänge von The Shining (UK/USA 1980, Regie: Stanley Kubrick) und Funny Games (A 1997, Regie: Michael Haneke)

Die folgende komparatistisch angelegte Sequenzanalyse zeigt die analytischen Grenzen der Begriffe Fokalisierung und Okularisierung/Aurikularisierung auf und soll zugleich den Blick für vergleichbare Inszenierungen schärfen. Im Fokus stehen dabei die Anfangssequenzen der beiden oben genannten Filme.

The Shining (UK/USA 1980, Regie: Stanley Kubrick)

The Shining beginnt mit einem Kameraflug über eine Gebirgslandschaft, akustisch begleitet durch elektronische Musik. Aufgrund des Sounddesigns und im Wissen darum, dass die Quelle von Filmmusik sehr oft nicht in der diegetischen Welt des Films zu verorten ist (darüber hinaus ist Kubrick zur Zeit der Veröffentlichung des Films schon für seine Verwendung von Musik in seinen Filmen bekannt gewesen),??? Was genau ist damit gemeint? Ist Kubrick für extradiegetische oder diegetische Verwendung bekannt gewesen? kann die Musik als extradiegetisch identifiziert werden. In der langen Sequenz folgt die Kamera einem gelben VW-Käfer, driftet aber immer wieder ab, sodass die Kamerabewegung nicht durchgänig von der Bewegung des Autos geleitet wird. Vielmehr beansprucht die Kamerabewegung eine gewisse Eigenständigkeit, ohne dass eine andere Motivation für die Bewegung, außer dem Wagen zu folgen, erkenntlich wäre. Da keine Figur in der Einstellung direkt zu sehen ist, sondern nur durch die Bewegung des Autos darauf zu schließen ist, dass sich eine oder mehrere Personen im Wageninneren aufhalten und diese für die Geschichte des Films vermutlich von Bedeutung sind, ist eine exakte Feststellung von Wissensrelationen äußerst schwierig. Eigentlich handelt es sich bei solchen Totalen um Nullfokalisierungen bei gleichzeitiger Nullokularisierung, weil die visuelle Erzählinstanz mit ihrer Aufsicht und den Abweichungen mehr zeigt, als eine Figur im Auto wahrnehmen und wissen könnte. Außerdem ist die visuelle Erzählinstanz nicht an eine Figur gebunden. Die Musik, die die gesamte Tonspur ausmacht, kann ebenfalls keiner Figur zugeordnet werden, wodurch sich eine Nullaurikularisierung ergibt. Ob die ZuschauerInnen tatsächlich mehr wissen, bleibt allerdings fraglich, weil das Wageninnere für den Blick aus dem Zuschauerraum verschlossen bleibt. So wissen die ZuschauerInnen vielleicht mehr über die Landschaft, nichts aber über die Figur(en) und deren Motivation, mit einem VW-Käfer ins Gebirge hineinzufahren. Da die Musik aber das Bild hier dominiert, indem sie eine unheimliche und beklemmende Atmosphäre erzeugt und das Gebirge so in einen bedrohlich anmutenden Raum verwandelt, wissen die ZuschauerInnen eventuell insofern mehr, als dass die Genrekonventionen (Horrorfilm, basierend auf einem Roman von Stephen King) nahelegen, dass sich der oder die Insasse(n) des Wagens in Gefahr begeben.
Angesichts dieser Feststellung lässt sich schlussfolgern, dass eine dezidiert narratologische Analyse in diesem Fall schnell an Grenzen stoßen würde und stattdessen andere analytische Kategorien wie die Genremerkmale des Horrorfilms zum Verständnis des Films offenbar mehr beizutragen imstande sind.

Funny Games (A 1997, Regie: Michael Haneke)

Die Anfangssequenz von Funny Games zeichnet sich in narratologischer Hinsicht dadurch aus, dass (auditive) sprachliche Erzählinstanz und visuelle Erzählinstanz dissoziieren. Auf visueller Ebene haben wir es hier mit einer ähnlichen Inszenierung wie in der oben beschriebenen Szene in The Shining zu tun. In einer Totalen wird ein fahrendes Auto auf einer Straße gezeigt. Der Winkel ist hier zunächst steiler, sodass es sich um eine Vogelperspektive handelt. Dazu werden Musik aus einer Oper und die Atmo der Straße eingespielt, wobei der Status der Musik zunächst unklar bleibt. Einerseits könnte sie aufgrund des Sounddesigns der diegetischen Welt entstammen, andererseits spricht ihre auditive Nähe für eine Verortung in der extradiegetischen Welt, d. h. das Sounddesign ist so gestaltet, dass die Figuren räumlich sehr nahe zu sein scheinen und sich die Kamera wie freischwebend verhält. Keine Rahmung oder dergleichen verweist darauf, dass die Aufnahme aus einem Hubschrauber oder Ähnlichem erfolgt, der Teil der diegetischen Welt wäre. Als dann die erste menschliche Stimme zu vernehmen ist, entsteht aufseiten der ZuschauerInnen Irritation, weil auch diese sehr nahe zu sein scheint. Plötzlich wird deutlich, dass eine Frau und ein Mann ein Ratespiel um Opernsänger spielen. Aufgrund sozialer Erfahrungen, denen zufolge Ratespiele zwecks Zeitvertreib häufig auf langen Autoreisen gespielt werden, und in Ermangelung einer plausiblen Alternative, wird der Ton vermutlich von den meisten ZuschauerInnen anschließend dem Innenraum des Autos zugeordnet. Es handelt sich demnach also um eine Nullfokalisierung bei einer Nullokularisierung, Nullaurikularisierung und Teilen von interner Aurikularisierung, denn dass die Musik tatsächlich von beiden Figuren im Auto gehört wird, verdeutlicht der anschließende Dialog. ???Ist der Text noch nicht fertig? Jedenfalls wird in der Einleitung gesagt, dass es hier um die „Grenzen der Begriffe“ geht, von diesen Grenzen ist bislang aber nur im Zusammenhang mit Shining was zu lesen. Wenn hier keine Einschränkung mehr folgt, sollte m. E. auch in der Einleitung klarer werden, dass diese Grenzen nur in einem Fall relevant sind.

Beispiel 6 – Rear Window: Interne Fokalisierung, interne Okularisierung und Nullfokalisierung, externe Aurikularisierung

In dem Ausschnitt aus Rear Window bricht Lisa in die Wohnung des potentiellen Frauenmörders Thorwald ein, um nach Beweismaterial zu suchen.