Analyse und Interpretation

Zwei grundlegende Arbeitsschritte bei der Filmanalyse: Analyse und Interpretation

Analyse

Bei der Analyse filmästhetischen Materials handelt es sich um eine Übersetzungsleistung. Sie versuchen, das was Sie sehen und hören in Sprache zu fassen. Analyse (aus dem Griechischen übersetzt: Auflösung) bedeutet zunächst nichts anderes, als ein Objekt in seine Bestandteile zu zerlegen. Die Analyse/Beschreibung beantwortet also die Frage nach dem „Was sehe und höre ich?“. Die Herausforderung besteht darin, der Informationsfülle des filmästhetischen Materials Herr zu werden und sich bewusst zu werden, was Sie, mit Michel Chion gesagt, „audiovisionieren“1. Der Begriff verdeutlicht den Zusammenhang zwischen Ton und Bild. Bedenken Sie immer, dass Sie manche Dinge meinen im Bild wahrzunehmen, obwohl diese nur durch den Ton suggeriert werden. Auch umgekehrt kann eine visuelle Information den Eindruck erzeugen, etwas gehört zu haben.

Analytische Aspekte umfassen die Struktur, die Form und den Stil des Films: welche Einstellungsgrößen wurden gewählt, wie ist die Lichtsetzung, welche Requisiten/Kostüme sehen Sie, wie ist das Sounddesign/die Filmmusik, welche Formen des Einstellungswechsel werden verwendet, Dialoge, Schauspielführung, etc.

Sie müssen bei der Analyse aufgrund der Informrationsfülle des filmästhetischen Materials meistens selektiv vorgehen! D.h. Sie können selten das Analysematerial erschöpfend analysieren.

Die Analyse beinhaltet auch einen beschreibenden Aspekt. Es sollte aus Ihrem Text also auch immer hervorgehen, was aus audiovisuell geschieht, damit die Nennung der einzelnen Techniken nicht als Aufzählung unverbunden nebeneinander stehen bleiben.

Dazu gehört auch immer die Angabe des Inhalts der filmischen Darstellung. Beispiel für eine Inhaltsangabe des 1. Teils von The Wild Bunch (USA 1969, Regie: Sam Peckinpah): Eine Gruppe Soldaten reitet in eine Stadt und, entpuppt sich als Gruppe von Banditen, die ein Lohnbüro überfällt und in einen Hinterhalt gerät.

Bei einer Filmanalyse können je nach Erkenntnisinteresse und Methodik Inhaltsangabe und Analyse miteinander verschränkt oder getrennt behandelt werden! Halten Sie Angaben zum Inhalt möglichst knapp. Die Analyse ist essentiell, um eine nachvollziehbare und möglichst verifizierbare Interpretation formulieren zu können.

 

Interpretation

Die Interpretation antwortet im Grunde auf die Frage nach dem „Warum“. Allerdings nicht in erster Linie auf die Handlung und die Dramaturgie bezogen, obwohl diese Aspekte auch eine Rolle spielen. Hauptsächlich geht es um die zugrundeliegenden Bedeutungen.

Beispiel: In The Wild Bunch rempelt der Anführer der in die Stadt einreitenden Soldatengruppe versehentlich eine ältere Dame an. Zum einen handelt es sich um ein retardierendes Moment zum Zweck der Spannungssteigerung, da sich die Soldaten zuvor bereits verdächtig umgesehen haben und bereits Zweifel an ihrer Integrität aufgekommen sind. Es ist deutlich, dass sie etwas im Schilde führen. Der Anführer zögert kurz und es entsteht der Eindruck, dass die Situation auch eskalieren könnte. Zum anderen stellt die Szene eine Prolepse dar. Soldaten und unschuldige Zivilisten geraten in eine gewalttätige Auseinandersetzung. Des Weiteren verdichten sich die Hinweise (vor dem Hintergrund der Begegnung mit den Kindern zuvor), dass die Gewalt unter einer dünnen, fragilen Schicht zivilisierter Verhaltensweisen lauert und jederzeit hervorbrechen kann. Diese Diskrepanz wurde schon zuvor in anderer Weise in der Szene mit den vermeintlich harmlosen Kinder, die an einem sonnigen Tag miteinander spielen, erzählt. Durch Wiederholung und Variation eines Zusammenhangs (hier Begegnung der/des Protagonisten mit EinwohnerInnen der Stadt in Verbindung mit Gewalt: Kinder erfreuen sich daran, wie Termiten die Skorpione angreifen und drohender Gewalt als der Soldat die ältere Dame anrempelt) bilden sich Sinnstrukturen aus, die durch Analyse und Interpretation expliziert werden können.

Wie das Beispiel zeigt, kann die Interpretation zwei Bedeutungsebenen haben: a) Sie kann auf der Ebene der Story auf den weiteren Verlauf des Films verweisen. b) Sie sollte aber immer über die Story hinausgehen und Thesen zur ästhetischen Erfahrung beinhalten, die der Film zu konstituieren versucht.

 

Der folgende Text bezieht sich zwar auf die Analyse von literarischen Texten, die grundlegenden Gedanken sind aber auch für den vorliegenden Zusammenhang aufschlussreich.

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Quellen:

  1. Chion, Michel (2012): Audio-Vison. Ton und Bild im Kino. Berlin: Schiele & Schön